HTML5 | Neuer Wein in alten Schläuchen?

HTML5 ist in den letzten Wochen und Monaten von vielen euphorisch begrüßt worden, obwohl es noch lange nicht angekommen ist. Allen voran hat (wieder einmal) Steve Jobs die Meinungsführerschaft übernommen und das Thema durch die Abwesenheit von Flash auf seinen i-Devices auf die Tagesordnung gesetzt. Kann und soll HTML5 die Lösung zum Erstellen von Rich-Internet-Applications und Rich-Media Content sein?

Der Anti-Flash-Kurs von Apple ist relativ durchsichtig und das Loblied von Herrn Jobs auf HTML5 folgt klaren ökonomischen Interessen seiner Firma – kaum jemand wird Ihm unterstellen, dass er das Wohl der Allgemeinheit dabei im Sinn hat.

HTML5 gegen Flash?

Bereits die Zuspitzung auf die Fragestellung "HTML5 gegen Flash" wird dem Thema nicht gerecht. Die eigentliche Frage ist doch, kann und soll HTML5 (im Zusammenspiel mit CSS3, Canvas SVG etc.) die Lösung zum Erstellen von Rich-Internet-Applications (RIA) und Rich-Media Content sein.

Beantwortet man diese Frage mit "Ja", dann sollten diese Technologien einen großen Teil der heute nur mit Flash umsetzbaren Web-Anwendungen realisieren können. Nun steht zu befürchten, dass wir durch einen Wechsel der Technologie nicht alle Fehler, die mit Flash gemacht wurden und werden, aus der Welt bekommen. Eher der Gegenteil dürfte eintreten: wir werden vermutlich mehr Fehler sehen, doch das ist eine Diskussion für sich. Die Fragen, die ich hier anreißen möchte lauten viel mehr:

  • Welche alten Probleme löst HTML5?
  • Welche neuen Herausforderungen kommen damit auf uns zu?
  • Ab wann kann ich HTML5 und Co produktiv einzusetzen?

Welche alten Probleme lösen HTML5?

Wenn ich beobachte, welche Probleme ich sowohl in der eigenen Anwendung, als auch in der Lehre habe und ob sie mit HTML5 gelöst werden, dann ist die Antwort: Herzlich wenige. Video und Audio hört sich gut an, aber angesichts der Codec-Probleme sehe ich dort vorläufig mehr Schatten als Licht.

Etliche neue Features in CSS3 sind hilfreich und richtig gut. Sicher sind auch die neuen Input-Elemente eine echte Erleichterung. Aber ich persönlich kam mit DIVs und Klassen gut klar und könnte auch ohne Strukturierung-Tags zurechtkommen – zumindest tut das nicht weh. Schmerzhaft hingegen vermisse ich eine Erneuerung des vollkommen kontra-intuitiven Box-Models und anderer Altlasten.

Die Umsetzung alter Features, die aber nicht in den Browsern implementiert sind, wie die Ausrichtung von Spalten anhand eines Zeichens (Komma!) wird jetzt hoffentlich nicht der Implementierung neuer Features zum Opfer fallen.

Welche neuen Herausforderungen kommen auf Entwickler zu?

Ein Stichwort fällt einem sofort ein: "Browser-War". Gerade eben schienen wir auf einem guten Weg, dass nach und nach alle großen Browser eine ziemlich einheitliche Sprache nicht nur verstehen, sondern auch sprechen, die neuen Features bieten an vielen Stellen die Gelegenheit in Zukunft die (schlimme) Vergangenheit wieder zu erleben.

Die Einbettung von Schriften bringt uns als Designer potenziell in rechtliche Zwickmühlen und hat außerdem die Chance das nächste Animated-Gif auf dem Weg in die Design-Hölle zu werden, wenn man nur mal die (nicht vorhandene) Qualität des Font-Renderings in aktuellen Browsern ansieht. Was mich aber am meisten stört, ist die Tatsache, dass an einigen Punkten die Trennung von Inhalt/Struktur, Darstellung und Funktion statt gestärkt, eher geschwächt wird.

Wann kann ich HTML5 und Co produktiv einzusetzen?

Einige Dinge kann man sicher sofort einsetzen, vor allem die bereits unterstützten CSS3 Eigenschaften, vielleicht auch sehr bald sie neune Input-Elemente, aber bereits die Entscheidung für Canvas oder SVG und deren uneinheitliche Browser-Unterstützung lassen diese Features erst mal in meinem persönlichen Wartezimmer Platz nehmen.

Einen Anwendungsfall allerdings gibt es, bei dem ich die Nutzung von HTML5 und Co ab sofort empfehle: die Erstellung von iPhone und iPad Anwendungen. Natürlich wäre manches einfacher und universeller einsetzbar, wenn man diese in Flash erstellen könnte (ohne den Umweg über eine App), aber mit etwas Phantasie, lokalem Speicher und einem Bookmark als Icon, komme ich so zu Anwendungen, die mich nicht durch den Apple-Store zwingen und die dem Wunsch von Herrn Jobs, quelloffen zu sein entsprechen. (Be careful what you whish for!)

Randbemerkungen

Natürlich kann man die Meinung vertreten, dass Safari (und andere Browser) ebenso wenig quelloffen ist wie der Flash-Player. Da es noch keine verabschiedeten offen Standards für die neuen Webtechnologien gibt, ist dies aber sowieso eine sehr akademische Diskussion. Zumindest zwingt mich Adobe nicht durch eine "Qualitätskontrolle" und will an allem was ich mache mitverdienen.

Viel interessanter ist es aber, zu überlegen, wie sehr die W3C-Standard Technologien gerade Anfängern und Quereinsteigen Kreativität erleichtern – oder diese mit sehr hohen Hürden versehen. Hier liegt eine historische Leistung von Flash, und auch dessen aktuelle Schwäche.

Das Thema, welche Tools aus diesem Dilemma helfen könn(t)en möchte ich aber gerne auf ein andermal vertagen. Das Redewendung aus der Überschrift bezieht sich ja darauf, dass neuer Wein durch seine Gärung alte Schläuche zum Platzen bringen kann, ich hoffe mal, dass wir durch HTML5 zumindest ein paar alte Browser somit aus dem Verkehr ziehen werden, aber ganz ohne Verluste wir das nicht abgehen.

Quellen im Netz zum Thema HTML5

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